BNE Reloaded: Nach dem Ende der UN-Dekade bleibt BNE auf der politischen Agenda

BNE Reloaded: Auch nach dem Ende der UN-Dekade bleibt Bildung für nachhaltige Entwicklung auf der politischen Agenda
Mit dem neuen „Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung“ läutet die UNESCO ab 2015 einen programmatischen Wechsel ein. Mit der Bonner Erklärung vom 30.09.2014 erreicht dieser auch Deutschland. Was bedeuten diese politischen Strategiepapiere für die Praxis?
von Sonja Richter

(Dieser Beitrag als PDF: Richter, Sonja (2014) – BNE Reloaded)

Für alle, die sich im Kontext von Bildung und nachhaltiger Entwicklung engagieren, ist 2014 ein Jahr der Rückschau und des Neubeginns. Dies betrifft vor allem die internationalen politischen Programme und damit verbundene Aktivitäten: Das UIMG_20140929_135656N-Weltprogramm Education for All läuft aus, die Deadline der Millennium Development Goals ist erreicht und die UN-Weltdekade Education for Sustainable Development (Bildung für nachhaltige Entwicklung – BNE) nähert sich ihrem Ende. Die politischen Rahmenprogramme enden jedoch nicht sang- und klanglos. Es herrscht Einigkeit, dass die Verankerung von Bildung, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt, notwendiger ist als je zuvor. Das Ende der UN-Programme bringt deshalb eine Neuorientierung der politischen Agenda mit sich. Auf internationaler Ebene ist dies bereits in vollem Gange: Zum Abschluss der UN-Weltdekade Bildung für eine nachhaltige Entwicklung erarbeitete die UNESCO ein neues Rahmenprogramm: Das Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung dient ab 2015 als internationaler Rahmen für Folgeaktivitäten der UN-Dekade. Es soll auf der Weltkonferenz für Bildung für nachhaltige Entwicklung im November 2014 in Nagoya, Japan, verabschiedet werden.

Auch in der Weiterentwicklung der Millennium Development Goals ist Bildung fest verankert: Derzeit werden neue „nachhaltige“ Entwicklungsziele, sogenannte Sustainable Development Goals, verhandelt. Neu bei dieser Selbstverpflichtung ist, dass nicht nur die Entwicklung in den Ländern des Südens im Vordergrund steht, sondern auch die Länder des Nordens, des Westens und des Ostens[1] explizit in die Verantwortung genommen werden. Bildung als Ziel und Instrument zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung spielt eine zentrale Rolle bei der Formulierung der Sustainable Development Goals, die 2015 verabschiedet werden sollen.

Rückschau auf die UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE): Sie hat gewirkt!

In Deutschland werden diese Entwicklungen positiv aufgenommen. Bereits während der UN-Dekade 2004 – 2014 hatte sich die Deutsche UNESCO-Kommission darum bemüht, in Zusammenarbeit mit Politik und Zivilgesellschaft nachhaltige Entwicklung in allen Bildungsbereichen zu implementieren. Bei der nationalen Abschlusskonferenz der UN-Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung am 29. und 30.09.2014 im World Congress Center Bonn wurden diese Bemühungen sichtbar: 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft blickten auf die Aktivitäten der letzten 10 Jahre zurück. Sie stellten fest: Die von der UN ausgerufene Dekade hat gewirkt! Das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ist in Bildungssystemen vieler Länder sichtbar geworden, in Deutschland ganz besonders. Der nationale Aktionsplan, konkrete Umsetzungspläne einzelner Länder, Arbeitsgruppen und Runde Tische förderten das Engagement vieler Akteure. Besonders hervorzuheben sind laut Gerhard De Haan, Vorsitzender des Nationalkomitees zur Umsetzung der Dekade, die fast 2000 Auszeichnungen für erfolgreiche „Dekadeprojekte“.

BNE-Herausforderungen 2015+: Empfehlungen gehen in die Bonner Erklärung ein

In einer selbstkritischen Rückschau wurden auf dem Abschlusskongress der Dekade auch Herausforderungen identifiziert, die für eine tiefgehende Verankerung von BNE im Bildungssystem zu bearbeiten sind. Diese betreffen zum Beispiel die Integration von BNE als Querschnittsthema. Insbesondere in formalen Bildungseinrichtungen wird BNE oft als zusätzlicheAufgabe zum vorgegebenen Lehrplan wahrgenommen. Eine übergreifende Integration des Leitbildes in alle Fachbereiche und Studiengänge brauche jedoch eine konkrete Implementierung in Lehrpläne sowie qualifizierte Lehrende in Schulen und Hochschulen. Ein weiterer Punkt, der an unterschiedlichen Stellen auf der Abschlusskonferenz diskutiert wurde, ist der fehlende Dialog zwischen den verschiedenen Akteuren. Diese Herausforderung bezieht sich nicht nur auf die Kommunikation zwischen Staat und Zivilgesellschaft, sondern auch auf einzelne Ressorts und Bereiche innerhalb der Akteursgruppen. Insbesondere gilt es, die Kooperation zwischen den Ministerien sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren zu verbessern. Als drittes Manko wurde die Bereitstellung finanzieller Ressourcen diskutiert. Problematisch für alle Akteure ist die projektbezogene Finanzierung (durch Bundesmittel), mit welcher es schwierig ist, über Jahrzehnte gewachsene Strukturen langfristig zu ändern. Kritisiert wurde auch der Fördertopf des BMBF für BNE-relevante Forschung. Mit den Förderprogrammen FONA I und II seien zwar Mittel zur Förderung nachhaltigkeitsrelevanter Forschungsprojekte bereitgestellt worden, der Anteil dieser Gelder für Bildungsforschung sei im Vergleich zu anderen Förderbereichen bisher jedoch relativ gering gewesen. Bildungsministerin Dr. Johanna Wanka kündigte am zweiten Kongresstag das neue Forschungsprogramm FONA III mit einer Verdoppelung der Forschungsgelder für BNE an, in welchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler derzeit hohe Erwartungen setzen. Auch das BMZ hat Zusagen zur weiteren Förderung von BNE-Umsetzungsprojekten gemacht und will weiterhin in Dialog mit der Zivilgesellschaft sinnvolle Förderbereiche identifizieren.

Gruppenfoto

Die Teilnehmenden des Abschlusskongresses der UN-Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung verabschieden am 30.09.2014 im World Congress Center Bonn die “Bonner Erklärung”. Foto: DUK

Diese Herausforderungen anzugehen haben die Deutsche UNESCO Kommission, die Bundesregierung sowie Vertreterinnen der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft am 30.09.2014 in Bonn zugesagt. In der „Bonner Erklärung“ halten sie Forderungen zur Umsetzung des Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland fest. Diese ist somit viel mehr als eine Abschlusserklärung zum Dekadeende; die Bonner Erklärung versteht sich als Aufbruchserklärung in eine neue gemeinsame Arbeitsphase nach der Dekade. Der programmatische Wechsel von der Dekade hin zum Weltaktionsprogramm macht die neue Qualität dieser Forderungen deutlich. Es handelt sich nicht einfach um eine Verlängerung der Dekade. Aufbauend auf den bisher gemachten Erfahrungen soll jetzt auf konkreter und zielgerichteter darauf hingewirkt werden, das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung tiefgehender in Bildungssysteme zu integrieren.

Möglichkeiten und Grenzen politischer Strategiepapiere

Strategiepapiere mit Zielsetzungen und Empfehlungen, verabschiedet von politischen Entscheidungsträgern, wecken hohe Erwartungen, die in der Praxis manchmal auch Enttäuschungen hervorrufen. Eine starke Stimme der Zivilgesellschaft ist nötig, damit Mittelknappheit und (unbequeme) strukturelle Begebenheiten Veränderungsprozesse nicht bremsen. ProfessoFoto_Bonner_Erklärung_r Charles Hopkins, einer der engagiertesten und profiliertesten Köpfe bei der UNESCO für Bildung für nachhaltige Entwicklung, hat auf der Podiumsdiskussion der Abschlusskonferenz die Rolle der Zivilgesellschaft betont: „In most countries, implementation of ESD [Education for Sustainable Development] does not happen because of their government. People implement ESD despite of their government“[2]. Dieses Zitat spiegelt auch die Praxis wider: Viele Lehrende und Multiplikator(innen) in außerschulischen Bildungskontexten praktizieren bereits Bildung für nachhaltige Entwicklung – oft sogar, ohne es zu wissen, oft ohne Beratung und oft auch mit Problemen der Legitimierung ihres Engagements bei Kolleg(innen), Vorgesetzten oder Eltern. Diese Legitimation gab bisher die Weltdekade, ab 2015 bieten die konkreten Empfehlungen der Bonner Erklärung in Anlehnung an das Weltaktionsprogramm einen Anhaltspunkt. In Deutschland wird die Deutsche UNESCO – Kommission für die Umsetzung des Weltaktionsprogramms Sorge tragen. Bis 2020 soll sie – ähnlich wie zu Zeiten der BNE-Dekade – Strukturen schaffen und Aktivitäten koordinieren. Das eigentliche Ziel, Bildung für nachhaltige Entwicklung tiefer in die Deutsche Bildungslandschaft zu integrieren, kann sie jedoch nur mit Hilfe des Engagements aller Akteure bewältigen. Nur dann wird das Weltaktionsprogramm in Deutschland ähnliche Wirkung wie die Weltdekade zeigen.

… und was bedeutet das für die Praxis?

IMG_20140929_140028Besonders Akteure mit einer engen Verankerung in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit sollten das neue Weltaktionsprogramm mit Aufmerksamkeit wahrnehmen: Das von der UNESCO verabschiedete Dokument betont explizit die globale Dimension einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. In der internationalen Fassung des Dokuments werden Ansätze Globalen Lernens mit in das Konzept einer Bildung für nachhaltige Entwicklung einbezogen. Neu ist zudem der Ansatz der Global Citizenship Education, welcher auf die Initiative Global Education First des UN-Generalsekretariats zurückgeht. Interessant für schulnahe Akteure sind zudem zwei der insgesamt fünf Schwerpunktempfehlungen, welche aus dem Weltaktionsprogamm in die Bonner Erklärung übernommen worden sind. Eine Empfehlung betrifft die Integration von BNE nach dem sogenannten Whole Institution Approach. Mit ihm werden Schulen aufgefordert, das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung nicht nur im Unterricht zu vermitteln, sondern auch selbst dementsprechend zu handeln, also selbst zu Orten werden, in denen Nachhaltigkeit gelebt und erlebbar wird. Ein weiterer Schwerpunkt im neu verabschiedeten Strategiepapier bezieht sich auf die Lehrenden. Im Fokus der Empfehlung bezüglich Lehrkräfte steht die „BNE-relevante Qualifizierung“ von pädagogischen Fach- und Lehrkräften an Schulen. Bemerkenswert ist hier, dass Lehrkräfte der beruflichen Bildung werden gesondert aufgeführt werden. Dies spiegelt auch das Handlungsfeld der Praxisakteure wider – seit kurzem fokussieren sich einige Organisationen auf die Förderung von BNE in der beruflichen Bildung.
Mit dem Fokus auf die globale Perspektive und den zwei explizit schulbezogenen Schwerpunkten liefern das Weltaktionsprogramm und die Bonner Erklärung Leitlinien der pädagogischen Arbeit sowie für Förderprogramme im Handlungsfeld Globales Lernen in der Schule. Sie können zugleich als zusätzliche Legitimation bereits vorhandener Bemühungen interpretiert werden. Es liegt nun an Praxisakteuren und Entscheidungsträger(innen) in Schlüsselpositionen, dieses Engagement weiter auszubauen.

Zum Weiterlesen:
Link zur Bonner Erklärung, verabschiedet am 30.09.2014 auf der nationalen Abschlusskonferenz der UN-Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung

Link zum Originaldokument des von der UNESCO verabschiedeten Global Action Programme on Education for Sustainable Development

Berliner Erklärung zum Aufbruch ins Weltaktionsprogramm; verabschiedet von Vertreter(innen) der Zivilgesellschaft auf dem von VENRO (Verband Entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen) organisierten Kongress zur Abschlussdekade „Transformative Bildung für eine Zukunftsfähige Welt“.

Weitere Informationen zur Global Education First Initiative, der Bildungsinitiative des UN-Generalsekretariats

Weitere Informationen zum Prozess der Entwicklung der Sustainable Development Goals

Verweise:
[1] Diese Aufzählung soll lediglich deutlich machen, dass sich die Sustainable Development Goals an alle Länder weltweit richtet
[2] Es handelt sich hier um eine sinngetreue Wiedergabe

Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt: Richter, Sonja (2014): BEN Reloaded. Von der Dekade zum Weltaktionsprogramm. Online erschienen am 01.10.2014 auf http://fachstelle-glis.de/?p=117.

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